Niedergeschlagen schlurfte Theresa Kilian Richtung Umkleidekabinen.

Schon seit ein paar Wochen wurde sie beim Hockey sowohl beim Training als auch beim Spiel ignoriert, obwohl sie eigentlich eine recht gute Spielerin ist. Die anderen aus der Mittelstufe waren zum Glück alle schon weg, aber was war das? Ihr Schulrucksack lag ausgeleert auf der Sitzbank, während der Inhalt ringsherum auf dem Boden verstreut worden war! Doch als würde das nicht genügen, nahm sie plötzlich einen Zettel wahr, der auf ihren Rucksack geklebt worden war. Auf diesem stand in großen, roten Buchstaben: Bildergebnis für Anführungszeichen unten kopieren
„Du blöde Hartzerin hast auf unserer Schule nichts verloren! Hau endlich ab!!!” Solche Botschaften erhielt Theresa immer wieder, seit ihre Eltern beide arbeitslos wurden und ihre Familie in eine Sozialwohnung ziehen musste. Sie hielt diese Geschichte mit dem ständigen Mobbing nicht mehr aus. Verzweifelt und schluchzend brach das Mädchen zusammen.

 

Kurz später fanden sie ihre besten Freundinnen seit dem Kindergarten, Selina und Paulina, so am Boden zerstört vor. Die beiden waren gerade von der Chorprobe des Otto-Friedrich-Gymnasiums gekommen, um Theresa abzuholen. Entsetzt von dem Anblick äußerte ihre Freundin Selina:
„Um Gottes Willen. Was ist denn hier los?” Ohne zu zögern begann die praktisch veranlagte Paulina bereits damit, Theresas Utensilien und Schulzubehör vom Boden aufzusammeln.
„Weißt du, wer das war?”, fragte Selina nachdrücklich.
„Na, Minette und Franziska, wer sollte es sonst gewesen sein?”, stammelte Theresa resigniert. „Die beiden sind einfach echt gemein! Am liebsten würde ich nicht mehr in die Schule gehen, aber meine Eltern haben doch schon genug Sorgen! Ich weiß echt nicht mehr, was ich noch machen soll!” Selina erkundigte sich vorsichtig: „Warst du denn schon bei der Schulpsychologin oder den Streitschlichtern, um deine Lage zu schildern?” „Ja, war ich”, entgegnete Theresa „die zwei wurden sogar schon hinzugeholt. Aber da sind die immer so scheinheilig und geben vor, es würde ihnen leidtun. In Wirklichkeit machen sie dann aber wieder weiter mit ihren Schikanen. Minette stiftet Franziska auch immer dazu an, ihr bei ihren miesen Vorhaben zu helfen!”

 

Paulina warf ein: „Ich kann die auch nicht leiden.

Aber ich glaube, ich weiß, warum die zur Zeit so ekelhaft ist. Herr Maier geht doch am Montag in den Ruhestand und dann hat die Schule keinen Lehrer mehr fürs Orchester. Der faule Herr Kestner lässt sich sicher nicht noch mehr Stunden aufbrummen. Und Minette hätte doch so gerne mit ihrem musikalischen Talent angegeben!” Theresa kommentierte fast schon etwas giftig: „Das geschieht ihr recht, dieser blöden Kuh!” Daraufhin meinte Paulina: „Das mag zwar sein, aber es betrifft ja auch noch 30 andere und übrigens auch unseren Chor!” „Tut mir leid, Paulina, so weit habe ich jetzt nicht gedacht”, gab Theresa zurück. „Mach dir keinen Kopf, das ist doch verständlich. Allerdings habe ich eine Idee, wie wir die Situation eventuell ändern könnten. Wenn du dich schnell umziehst, lade ich euch zum Eisessen ein und berichte von meiner Lösung!”

Theresa kam dieser Aufforderung nach und kurz später saßen die drei Freundinnen in der besten Eisdiele der Stadt. Während die drei Freundinnen an ihrem Eis schleckten, hakte Paulina bei Theresa nach: „Deine Eltern sind doch Musiker, oder?” „Ja, Mama hat die 1. Geige im Symphonieorchester gespielt, aber ihre Gelenkkrankheit ist so schlimm geworden, dass sie nicht mehr regelmäßig spielen kann. Sie hatte leider auch keine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit abgeschlossen. Und Papa ist Komponist und war an der Musikschule angestellt, aber manchmal hat er vor lauter Komponieren seinen Unterricht vergessen. Deswegen musste er dort aufhören. Gerade sitzt er an einer scheinbar bedeutenden Arbeit.” Nachdem Selina Paulinas Plan sehr schnell erfasst hatte und auch den Stolz herausgehört hatte, der in Theresas Ausführungen mitgeschwungen hatte, äußerte sie sich ebenfalls: „Ja, das ist die Lösung! Wir veranstalten ein Benefizkonzert und fragen deine Eltern, ob sie uns helfen wollen!” Theresa ließ sich das kurz durch den Kopf gehen, schien dann aber doch ziemlich begeistert von dieser Idee. Zum ersten Mal verspürte sie so etwas wie einen Funken Hoffnung in sich. Denn sie wusste ja, wie talentiert ihre Eltern waren. Gemeinsam beschlossen die Mädchen, zuerst die Schulleiterin Frau Dr. Heuchel zu fragen, ob sie mit dieser Idee einverstanden wäre.

 

Musikliebhaberin

Als Musikliebhaberin sagten ihr die Namen Oliver und Clarissa Kilian natürlich etwas und sie war total euphorisch, als sie von diesem Vorschlag hörte. Nachdem die Direktorin Theresas Eltern kontaktiert hatte, durchwühlte Theresas Papa sofort begeistert seine Unterlagen aus dem Studium und fand einige seiner Kompositionen, die er im achten Semester für kleine und größere Schulorchester angefertigt hatte. Es war sogar etwas für einen Schulchor dabei. So machte es sich Clarissa zur Aufgabe, diesen aufs anstehende Konzert vorzubereiten. In der Zwischenzeit hatte Selina einige Mitschüler und Mitschülerinnen gefunden, die bereitwillig beim Entwerfen der Plakate sowie bei der Organisation der Verköstigung helfen wollten. Außerdem überredete sie die Kunst-AG dazu, einige Werke auszustellen und zu verkaufen, um einen Teil des Erlöses zu spenden. Die Eintrittskarten konnten in Paulinas Vaters Druckerei gedruckt werden. Bis zum Konzert mussten noch einige Proben durchgeführt werden. Je mehr davon stattgefunden hatten, desto mehr fingen die Mitglieder der Schulfamilie an, Theresa zuzulächeln, wenn sie ihr beispielsweise auf dem Flur begegneten. Denn inzwischen hatten sich die meisten von der positiven Stimmung der neuen Chor- und Orchesterleitung anstecken lassen.

 

Minette jedoch konnte es nicht lassen, immer noch weiter zu sticheln: „Jetzt muss sich dein Hartzvater schon hier hereinwanzen!” Durch die vielen positiven Rückmeldungen gestärkt traute sich Theresa nun mit festem Blick zu erwidern: „Wenn es dir nicht passt, musst du ja nicht mitspielen! Es zwingt dich keiner!” Weil sie überrascht von der Entgegnung war und keine passende Antwort parat hatte, zog Minette von dannen. Nach vielen eifrigen Proben, die auch Theresas Mama und Papa jede Menge Spaß einbrachten, war der Tag des Konzertes endlich gekommen. Von dem Namen Kilian auf den Plakaten angelockt waren alle Karten restlos ausverkauft.

 

Die Ovation

Für den fast schon professionellen Auftritt gab es tosenden Beifall und Standing Ovations! Auch Minette strahlte nach ihrem Solopart, der ihr mehr Applaus eingebracht hatte als je zuvor. Die gute Stimmung im Saal ließ sich nicht mehr bremsen und sobald das Konzert beendet war, ging Minette zielstrebig auf Theresa zu. Diese war zunächst etwas skeptisch, als sie ihre Feindin vor all den Leuten auf sich zukommen sah. Aber Minette erklärte ihr, dass sie sich gerne für ihr Fehlverhalten entschuldigen möchte. Sie gab auch zu, dass Theresas Eltern sehr viel Talent mitbringen und sie eine ganz falsche Vorstellung von ihrem Elternhaus gehabt hatte. „Meinst du es dieses Mal auch wirklich ernst und lässt mich ab sofort in Ruhe?”, fragte Theresa etwas bedenklich. „Ich verspreche es dir! Und damit du siehst, wie ernst es mir ist, möchte ich mich nächstes Schuljahr als Streitschlichterin bewerben. Dann kann ich den entsprechenden Seiten aus Erfahrung erklären, dass es wichtig ist, sich zuerst genau mit der Situation einer Person auseinanderzusetzen, bevor man Vorurteile fällt. Bis du meine Freundin wirst, wird es aber sicher noch eine ganze Weile dauern!” Bei diesen Worten hätte Theresa fast losgelacht, sagte aber: „Das erwarte ich auch nicht sofort! Ich werde jetzt erst einmal meine Ruhe genießen!” Und bevor sich Minette wieder abwendete, gab sie noch zu verstehen: „Du, ich werde noch mit Franziska reden. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie sie sich dir gegenüber so blöd verhalten hat. Gewissermaßen habe ich sie erpresst, weil ich bestimmte Dinge über sie weiß! Da muss ich auch noch etwas geradebiegen!” In dem Moment verstand Theresa, dass nicht nur sie ein Opfer von Mobbing war, sondern auch andere, wenn dies auch auf einem anderen Weg geschehen war.

 

Als die Familie Kilian abends bei sich zu Hause saß, feierten sie ihren Erfolg noch in kleinem Rahmen. Denn ein Herr, dem Olivers Stück so gut gefallen hatte, wollte ihm sämtliche Kompositionen für Schulorchester abkaufen sowie einen Vorschuss auf sein geplantes Werk in Aussicht stellen. Am Wochenende lud Theresa ihre Freundinnen zum Essen ein, um sich in aller Form bei ihnen für ihre tolle Hilfe und Unterstützung zu bedanken! „Ohne euch wäre ich echt aufgeschmissen gewesen! Ihr seid die besten Freundinnen der Welt!”

 

Alles ist OK

Ein gutes Jahr später hatte Minette bereits mehr als zwanzig Fälle als Streitschlichterin gelöst und fühlte sich jedes Mal sehr erfüllt, wenn sie zu einem positiven Ausgang beitragen konnte. Denn es sollten keine Geschichten mehr wie mit Theresa passieren. Doch heute hatte Minette sich eine kleine Pause verdient. Sie, Franziska, Paulina, Selina und Theresa wollten zusammen zu einem Konzert fahren, auf welchem Olivers Kompositionen gespielt wurden und am nächsten Tag einen Freizeitpark besuchen, um einfach nur gemeinsam Spaß zu haben. Denn seit knapp einem halben Jahr unternahmen die fünf Mädchen regelmäßig etwas miteinander, so dass sich im Laufe der Zeit immer mehr eine Freundschaft entwickelt hatte.