Meine Geschichte für euch, habt spass und lernt daraus.

Es war ein lauer Sommerabend im Mai und die Kinder spielten im Garten, während ihre Eltern es sich auf der großen Terrasse gemütlich gemacht hatten. Es war Tims 12ter Geburtstag und dazu hatte er alle seine Klassenkameraden eingeladen. Gerne aber hätte er auf einen Mitschüler verzichtet. Seine Mutter hatte ihn jedoch überredet alle Kinder einzuladen, um niemanden auszuschließen.

Und so saß Julian abseits seiner Mitschüler unter einem Baum und las. Das tat er gerne, um der Realität ein wenig zu entfliehen und sich einfach wegzuträumen. Denn Julian war nicht besonders beliebt bei seinen Mitschülern. Weil er anders war als die anderen.

Julian mochte kein Fussball. Er wollte nie Feuerwehrmann oder Polizist werden. Und er mochte weder Cowboys noch Indianer. In seinem Zimmer zierten Puppen seine Regale. Puppen in ausgefallenen Kleidern und mit sorgfältig frisierten Haaren. An den Wänden hingen zahlreiche Skizzen, Modezeichnungen und Schnittpläne.

Es war schon immer sein Traum einmal Modedesigner zu werden und selbst die schönsten Kleider zu entwerfen. Damals hatte er sich eine Nähmaschine gewünscht, doch die hatte er von seinen Eltern nie bekommen. „Zu teuer!“, hieß es. Zum Glück hatte er aber noch seine Oma Lotti, die nur zwei Häuser entfernt wohnte.

Wann immer er Zeit hatte besuchte er sie nach der Schule und nahm bei ihr Nähunterricht. Sie brachte ihm alle Grundlagen bei und gemeinsam nähten sie die schönsten Puppenkleider aus alten Geschirrtüchern oder aus aussortierter Bettwäsche. Lotti hatte sogar eine zweite Nähmaschine besorgt, damit sie beide gemeinsam nähen konnten. Gerne hätte sie ihm diese geschenkt, aber seine Eltern hätten es ihr nie erlaubt. Und so übten sie ihr gemeinsames Hobby heimlich aus.

Eines Abends saß Julian wieder in seinem Zimmer, um seine Puppe „Georgina“ zu frisieren. Sie sollte eine tolle geflochtene Hochsteckfrisur bekommen, die ideal zu dem edlen Kleid, zusammengenäht aus einer Damenbluse, passte. Er platzierte die Puppe vorsichtig zwischen seinen Beinen, klemmte sich die Haarspangen zwischen die Lippen und begann mit geübter Hand zu flechten. Doch plötzlich vibrierte sein Handy. Er ignorierte es und widmete sich weiterhin konzentriert seiner Puppe. Doch schon einige Sekunden vibrierte es wieder… und wieder… und wieder.

Genervt spuckte er die Klammern in die Zimmerecke, legte Georgina auf dem Boden ab und setzte sich auf sein Bett, wo bereits sein Handy an die Ladestation angeschlossen war. Der Grund für die Störung waren einige WhatsApp Nachrichten. Der Gruppenchat seiner Klasse hatte sich zu Wort gemeldet. Dabei ging es um die nahende Klassenfahrt gefolgt vom dringenden Appell der Lehrerin Frau Schmidt, bereits die Zimmeraufteilung zu planen, damit es vor Ort zu keinem Chaos komme.

Die Mädchen meldeten sich als erstes zum Thema. Leonie, Emma und Marie waren sich sofort einig und auch die anderen weiblichen Klassenkameraden hatten sich schnell geeinigt. Weiter ging es mit den Jungs. Emil wollte unbedingt mit Peter und Leo ein Zimmer beziehen und auch Elias und Finn würden sich ein Zimmer teilen. Und so ging die Zimmerplanung munter weiter, bis nur noch 3 Klassenkameraden übrig waren: Tim, Silas und Julian.

„Ihr drei nehmt dann bitte das letzte Zimmer zusammen“, schrieb Frau Schmidt in den Chat. Julian wurde nervös. Seine Hände schwitzten und sein Herz begann wild zu klopfen, als er bemerkte, dass Tim sich zu Wort meldete. Immer wieder hatte dieser nichts Besseres zu tun, als Julian zu beleidigen und auch Silas benutze Julian gerne als Sündenbock.

„Ich dachte Mädchen und Jungen müssen in getrennten Zimmern schlafen. Warum geht Julian nicht in ein Mädchenzimmer?“ Diese Worte hatte Tim soeben abgetippt und Silas ließ nicht lange auf sich warten. „Ich will auch nicht mit Julian in einem Zimmer schlafen! Warum kann der nicht in ein Einzelzimmer?“ Frau Schmidt war geschockt und beendete den WhatsApp Chat, mit der Vorwarnung die beiden am morgigen Tag noch einmal persönlich darauf anzusprechen.

Danach folgte noch eine private Nachricht von Tim in Julians Chat: „Kümmere dich darum, dass du woanders schläfst oder du bekommst Ärger!“ Mit Tränen in den Augen legte Julian sein Handy beiseite, stand auf, trat seine Puppe gegen die Wand und stürzte sich erneut weinend auf sein Bett. Warum konnte er nicht so sein wie die anderen Jungs aus seiner Schule, sich raufen, im Internet surfen und Computerspiele spielen?

Am nächsten Tag schlotterten Julians Knie beim Gang in das Klassenzimmer. Ohne nach links oder rechts zu schauen betrat er seinen Platz in der hintersten Reihe und setzte sich. Erst jetzt bemerkte er, dass auf der Tafel in großen Lettern der Begriff „Cybermobbing“ zu lesen war. „Aus gegebenen Anlass dachte ich, dass es einmal an der Zeit ist über dieses Thema zu reden.“ Tim und Silas schluckten. Sie hatten bereits zuvor mahnende Worte von Frau Schmidt erhalten, die sogar drohte einen Brief an ihre Eltern zu schicken und sie sowie auch ihre Lehrer Kollegen über diesen Vorfall zu informieren.

„Das was ihr gestern mit Julian gemacht habt war nicht nett! Cybermobbing ist eine ernste Sache! Endlos viele Kinder leiden unter den Folgen weil sie über das Internet, über Social Media, über Kommunikation via WhatsApp beleidigt werden. Und warum? Weil sie anders sind. Weil sie dicker sind, dünner sind, weil sie rothaarig sind, weil sie Laktoseintoleranz haben oder Vegetarier sind. Oder, weil sie wie Julian hier, ein außergewöhnliches Talent haben. Ist das etwa ein Verbrechen? Oder macht das die Menschen nicht noch viel mehr besonders? Silas, weißt du wer dein T-Shirt designt hat? Ein Mann! Ach ja und deine Jeans und deine Schuhe auch. Tim, bei dir übrigens genau das Gleiche!“

Die anderen Mitschüler kicherten. Julian lief rot an. Nun packte Frau Schmidt eine Reihe von Zeichnungen aus. Es waren einige von Julians Entwürfen, die er für den Kunstunterricht gezeichnet hatte. Darunter Bilder von eleganten Kleidern aber auch edlen Smokings, coolen Hoodies und Sneakern mit eigens kreierten Graffiti Mustern. Nicht nur Silas und Tim schienen positiv überrascht. Die ganze Klasse begann plötzlich zu tuscheln. „Na, ist das cool oder ist das cool?“, fragte Frau Schmidt und fügte hinzu: „Ich bitte euch in Zukunft euer Umfeld nicht so schnell zu verurteilen und schon gar nicht über das Internet oder über private Nachrichten. Sprecht miteinander, seid neugierig und haltet zusammen!“

Ebru streckte ihre Hand in die Luft und rief: „Julian möchtest du bei uns mit schlafen? Es ist noch ein Bett frei in unserem Zimmer.“ Lächelnd winkte er ab. Schließlich mussten Jungs und Mädchen in getrennten Zimmern schlafen. Frau Schmidt bedankte sich für die nette Anteilnahme, doch wollte dieses Thema nun erst einmal auf sich beruhen lassen und mit dem Unterricht fortfahren.

Nach der Unterrichtsstunde läutete es zur Pause. Julian wollte gerade das Gebäude verlassen, als er Silas und Tim sah, die offenbar den Ausgang versperrten. Sein Herz begann erneut stark zu pochen und er sah sich nervös nach einem Lehrer um oder jemandem, der ihm im Notfall helfen könnte.

Doch je näher er kam, desto besser konnte er sehen, dass die beiden ihn anlächelten. Silas ergriff sofort das Wort: „Hey Julian. Tut uns Leid, wenn wir dich so fertig gemacht haben. Wir wollten dich nicht beleidigen. Mein Bruder wurde selbst einmal gemobbt und ich weiß, wie schlecht er sich damals gefühlt hat. Aber das war alles nicht so gemeint! Deine selbst entworfenen Sneakers sind echt cool… und dieses Graffiti erst! Könntest du mir so eines auf mein Mäppchen zeichnen?“

Julian nickte ihm überrascht zu. Damit hatte er nicht gerechnet. Silas uns Tim schienen ihre Vorurteile endlich abgelegt zu haben. Sie teilten sich sogar zu dritt ein Zimmer auf Klassenfahrt und wurden gute Freunde. Jeder wusste schon bald Julians kreative und besondere Ader zu schätzen und gemeinsam machten sie sich ab sofort stark gegen Cybermobbing.