Bastian bog in seine Straße ein und blieb stehen. Er spürte, wie ihm die vertraute Angst in den Nacken kroch und rückte seine schwere Schultasche zurecht. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn Jonas und seine Kumpels heute mal nicht darauf gewartet hätten, ihn zu ärgern.

Bastian trat zögernd von einem Fuß auf den anderen. Bis zu seinem Haus waren es noch zweihundert Meter, aber sie fühlten sich an wie eine unüberwindbare Strecke. Denn auf der ruhigen Wohnstraße spielte Jonas mit seinen Klassenkameraden Fußball. Und sie hatten Basti schon gesehen. Basti erkannte das fiese Grinsen, mit dem Jonas ihn musterte und er wusste, dass Jonas sich in genau diesem Moment eine neue Gemeinheit ausdachte.

In der Schule war Jonas vorsichtig geworden, nachdem Basti der Lehrerin gesagt hatte, dass Jonas ihn immer ärgert und die anderen Kinder gegen ihn aufhetzt. Aber hier in der Nachbarschaft war es seitdem noch viel schlimmer geworden.

Basti senkte den Blick und lief einfach los. Aber als er an Jonas vorbeilaufen wollte, hörte er die vertraute Stimme. »Hey, Fetti, lauf schnell zu Mama und Papa, bevor dir jemand ein Bein stellt!«

Basti lief schneller, sah aber nicht auf. Er achtete auf seine Füße. Nur auf seine Füße. Gleich wäre er zu Hause in Sicherheit. Der Fußball traf Sebastian in den Bauch und Jonas und seine Kumpels lachten. Sebastian blickte auf und sah die größeren Jungs wie eine Mauer auf der Straße stehen. Sie warteten nur darauf, ihn zu schubsen und auszulachen.

Plötzlich rannte Basti los. Er bog ab in einen der Wege, die zwischen den Häusern in die Wiesen führten und rannte, so schnell er konnte. Die Schultasche schlug gegen seinen Rücken, aber er hielt erst an, als er die Bäume am Bach erreicht hatte.

Als er sich sicher fühlte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und heulte einfach los. Jeden Tag ärgerten sie ihn und es wurde immer schlimmer.

Der Freund “Krümel”

Als er einen Ast knacken hörte, sah Basti erschrocken auf. Aber es war nur Krümel. Eigentlich hieß Bastis alter Freund aus dem Kindergarten Kevin, aber alle nannten ihn Krümel, weil er so klein war. Für einen Moment fragte Basti sich, wieso es Krümel nichts ausmachte, dass er überall diesen Spitznamen hatte. Aber Krümel klang auch viel netter als »Fetti«.

»Rück mal!« Krümel stieß Basti an und setzte sich neben ihn. »Wieso weinst du hier ganz alleine? Hast du ein Problem?«

Basti wischte sich über die Augen. Verschämt gab er zu: »Jonas und die anderen Jungs haben mich wieder geärgert.«

Krümel nickte. Er ging auf eine andere Schule, aber er ahnte, was Basti jeden Tag durchmachte. Er sah es ja auf der Straße und auf dem Spielplatz. Krümel dachte kurz nach, dann sagte er fast beiläufig: »Wir sind beste Freunde, oder?«

Basti nickte mit gesenktem Kopf. Krümel lachte. »Kannst du dich noch an die Geschichte erinnern, wie ich mir auf dem Ausflug im Kindergarten in die Hose gemacht habe? Alle haben mich ausgelacht, aber du hast mich verteidigt! Du hast mir sogar die Wechselhose gegeben, die deine Mama dir in den Rucksack gesteckt hatte, falls es regnet, obwohl die mir viel zu groß war.«

Schuldbewusst brummte Basti: »Ich war eben damals schon ein ziemlich fettes Kind.«
Krümel sah ihn erschrocken an. »Wieso redest denn du so über dich? Du bist nicht fett!«
Basti brummte nur und fing an, mit einem Stöckchen im Sand zu malen. Kevin seufzte mitfühlend. »Also, wenn ich eine rote Mütze aufsetze, denken die Leute, ich bin ein Gartenzwerg!«

Basti musste lachen. »Du bist nicht klein! Du bist nur«, Basti überlegte kurz, »nicht so groß wie die anderen.«

Krümel stand auf. »Komm, schnapp dir deine Tasche, wir gehen zu meiner Oma!«

Langsam rappelte Bastian sich auf. »Was sollen wir denn bei deiner Oma?«

Krümel grinste und lief los. »Wenn du Sorgen hast, gibt es nichts Besseres als meine Oma!«

Nicht wirklich überzeugt trottete Basti hinter Krümel her. Es war ihm peinlich, anderen Leuten von seinem Problem zu erzählen. Und an eine Lösung glaubte er nicht mehr, seit er sich der Lehrerin anvertraut hatte. Sie hatte zwar mit Jonas gesprochen, aber was dabei herausgekommen war, wusste er ja nur zu gut. Trotzdem folgte er Krümel durch das Labyrinth der Gartenwege bis zum Rand der Siedlung. Das Haus von Krümels Oma war nicht wie die anderen Häuser, es war schon lange dagewesen, bevor die anderen Häuser gebaut wurden.

Als sie das Haus betraten, wurde es Basti schon leichter ums Herz. Hier hatte er sich immer geborgen gefühlt. Als er noch in den Kindergarten gegangen war, hatte er viel Zeit bei Krümels Oma verbracht. Dieses Haus sah aus, als hätte es sich seit hundert Jahren nicht verändert. Jedenfalls kam es Basti immer so vor. Überall hingen fröhliche bunte Bilder und Blumenampeln. Manche nannten die Oma scherzhaft eine alte Hexe, weil sie allein am Waldrand wohnte und eine Katze hatte. Viele schlichen in dieses Haus, wenn sie Probleme hatten.

Die Oma

Im Flur hing der Duft nach einem leckeren Eintopf und Krümel rief laut: »Oma, Besuch!«

Die Oma tauchte aus der Küche auf und strahlte. »Bastian! Wie schön, dich zu sehen! Wie geht es dir?«

Bevor Basti höflich versichern konnte, dass es ihm gut geht, platzte Krümel heraus: »Basti hat riesigen Kummer! Es geht um Mobbing! Die Jungs aus seiner Klasse sind gemein zu ihm!«

Die Oma nickte ernst. »Mobbing ist wirklich gemein, das tut wirklich weh!«

Basti dreht den Kopf weg. Ihm schossen die Tränen in die Augen, aber nicht, weil er traurig war, sondern aus Erleichterung. Endlich fühlte er sich verstanden. Die Oma seufzte leise und murmelte: »Kommt erst mal essen, ich habe für mich alleine schon wieder viel zu viel gekocht!«

Basti folgte Kevin in die Küche und sank auf einen Stuhl. »Ich glaube, wenn ich die ganze Geschichte jetzt noch mal von vorn erzählen muss, fange ich an zu heulen.«

Die Oma stellte Bastian einen Teller mit köstlich duftender Suppe vor die Nase. »Du musst gar nichts erzählen. Geht es um Jonas?«

Bastian sah verwundert auf. »Ja?«

Die Oma nickte, dann setzte sie sich. »Der Jonas ist ein ganz armer Junge.«

Basti und Krümel rissen erstaunt die Augen auf. Empört rief Basti: »Der? Der ist ein Monster! Der hetzt alle anderen Kinder gegen mich auf! In der Schule will keiner mehr mit mir spielen!«

Die Oma neigte den Kopf und sah die beiden an. »Glaubt ihr, dass ein Kind so gemein zu anderen ist, wenn es sich wohlfühlt?«

Verächtlich knurrte Krümel: »Der fühlt sich nur wohl, wenn er andere quälen kann!«

Die Oma blinzelte langsam und lächelte sanft. »Ich hab mal gelesen, dass es unmöglich ist, jemanden nicht zu mögen, mit dem man mal im Fahrstuhl steckengeblieben ist.«

Basti beugte sich zu Krümel und flüsterte: »Ist das wieder eines ihrer Rätsel?«

Die Oma lachte. »Nein, das ist kein Rätsel. Aber ich erkläre euch gern, was ich meine. Wenn man zusammen im Fahrstuhl feststeckt, fängt man an, sich zu unterhalten. Dann erzählen Menschen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte. Und dann verstehen sie, warum der andere so ist, wie es ist. Wenn man etwas versteht, kann man auch eine Lösung finden.«

Basti pustete über seine Suppe und murrte: »Ich will den Jonas gar nicht verstehen, ich will nur, dass der mich in Ruhe lässt!«

Die Oma sah ihn weise an. »Neulich kam ich am Haus der Familie vorbei und hörte, wie der Papa vom Jonas ihn anschrie. Einen dummen, unfähigen Idioten hat er ihn genannt. Seinen eigenen Sohn! Und der Jonas hat geweint.«

Basti senkte betreten den Kopf. Sein eigener Papa nannte ihn immer »Tiger«, dann fühlte er sich groß und stark. Als hätte Krümel Bastis Gedanken gelesen, sagte er: »Es muss sich schrecklich anfühlen, von den eigenen Eltern fertiggemacht zu werden.«

Basti schluckte. »Ist er deswegen so gemein? Weil er wütend ist und es ihm wehtut, dass er so viele Schimpfnamen bekommt?«

Krümel murmelte: »Ich dachte immer, er wäre so fies, weil er kann. Weil er größer und stärker ist als die anderen Kinder in der Klasse!«

Basti sah Krümel nachdenklich an. »Aber wenn sein Vater ihn anschreit, kommt es sich bestimmt ziemlich klein vor.«

Die Lösung

Die Oma zwinkerte Basti zu. »Zufällig weiß ich, dass deine Mutter schon lange euren Gartenzaun streichen lassen will. Sie hat mich nämlich gefragt, ob ich jemanden kenne, der das für ein kleines Taschengeld machen würde. Ich wette, deine Mama würde dir sehr gern helfen, den Jonas einfach mal besser kennenzulernen.«

Basti und Krümel tauschten einen Blick. Misstrauisch fragte Krümel: »Du meinst, wir sollen mit Jonas den Zaun streichen und dabei mit ihm reden? So, als würden wir zusammen im Fahrstuhl feststecken?«

»Genau so.« Die Oma nickte und sah Bastian an. »Jonas muss ja nicht gleich dein bester Freund werden. Es reicht ja, wenn er versteht, dass Mobbing dir wehtut. Aber ihr habt ja etwas gemeinsam.«

Basti schüttelte ungläubig den Kopf. »Niemals!«

Die Oma lächelte. »Ihr wisst beide, wie es sich anfühlt, wenn jemand gemein zu euch ist. Und du bist kein hilfloses Opfer, Basti, du bist nicht alleine! Jetzt, wo du so mutig warst, uns die Geschichte zu erzählen, können deine Eltern dir helfen! Und Krümel hilft natürlich auch!«

Basti schob sich einen Löffel Suppe in den Mund. Ganz langsam bekam er ein warmes, wohliges Gefühl im Bauch. Schüchtern erwiderte es das Lächeln der Oma, dann nickte er tapfer.

Krümel grinste und flüsterte: »Ich hab dir ja gesagt, dass Oma eine Lösung findet! Wenn Jonas merkt, was für ein toller Kumpel du bist, wird der vielleicht sogar ein richtig netter Kerl!«

Basti verzog zweifelnd das Gesicht, aber dann lachte er. Er würde der Sache eine Chance geben. Er war ja nicht allein.