„Guten Morgen mein Schatz. Aufstehen!“ Der sanfte Appell ihrer Mutter ließ Lisa vor Schreck zusammenzucken. Sie war bereits seit 3 Stunden wach, oder sogar 4? Wann hatte sie überhaupt das letzte Mal richtig geschlafen? Sie wusste es nicht. Nervös stolperte sie in das Badezimmer, putzte sich halbherzig die Zähne und stopfte ihre Hefte in den Ranzen. Die hätte sie eigentlich gar nicht auspacken müssen, denn ihre Hausaufgaben hat sie wieder einmal nicht geschafft.

„Magst du noch eine Kleinigkeit essen?“, fragte ihre Mutter fürsorglich. „Nein danke, Mama. Ich habe keinen Hunger…“ Eine andere Antwort hätte ihre Mutter wahrscheinlich auch nicht erwartet. Die Appetitlosigkeit, fehlende Motivation und angespannte Nerven begleiteten Lisa nun schon seit einiger Zeit. Und sie kannte auch das Problem.

Als ihr Schulbus die Haltestelle der Schule erreicht hatte, stieg sie langsam aus. Doch ehe sie den Boden des Bordsteins erreicht hatte, drückte sie etwas zur Seite und sie fiel unsanft zu Boden. Sie drehte sich um und versuchte den Verursacher ihres Sturzes ausfindig zu machen, während sie sich ihre aufgeschürften Hände rieb.

Und da waren sie: Nicky, Sarah und Debby. Erschrocken betrachteten Sie die am Boden liegende Lisa, ehe sie begannen hysterisch zu lachen. Ihre Zahnspangen glänzten in den ersten Sonnenstrahlen dieses Tages und überhaupt schien der Sonnenschein sie zu verfolgen, genauso wie ihre männlichen Klassenkameraden. Die kamen für die drei Mädchen allerdings nicht infrage. Sie zog es zu den Jungs aus den höheren Klassen hin. Marco fuhr sogar schon einen Roller. Er war der Schwarm vieler Mädchen, aber nicht aller Mädchen und schon gar nicht Lisas Schwarm.

Kopfschüttelnd versuchte sie wieder auf die Beine zu kommen, doch kippte erneut nach vorne über. Es war Tessa, eine andere Mitschülerin. „Sorry Bohnenstange“, entwich ihr im Vorbeirennen. Jetzt wartete Lisa bis wirklich alle die Haltestelle verlassen hatten, um als Schlusslicht in Richtung der Klassenzimmer zu laufen. Früher hätte sie in solchen Situationen geweint. Genauso wie sie es tat, als sich ihre Eltern getrennt hatten, als sie ausgelacht wurde, weil sie mit ihrer Mutter in ein kleines 2-Zimmer-Appartment ziehen musste oder als sie die „Neue“ von ihrem Papa kennenlernte, die bis zum zweiten Schuljahr ihre Lehrerin war.

Doch Lisa hatte genug Tränen vergossen. Die Trauer ist mittlerweile in Wut übergegangen. In Wut auf ihre Eltern, auf ihre Schule, ihre Lehrer und ihre Mitschüler, die sie ständig aufzogen und auf sich selbst. Sie war ein aufgewecktes, schlaues Mädchen. Das hatte sie bereits in den ersten beiden Schuljahren als Klassenbeste bewiesen. Doch mit der Zeit kamen die Probleme. Der ständige Streit ihrer Eltern machte sie nervös, sie bekam Essstörungen und nahm einiges an Gewicht ab. Ihre Mitschüler machten sich lustig über sie und so mied sie jeden Kontakt mit ihnen. Sprach nur noch das Nötigste und verzog sich für den Rest der Zeit in ihr Zimmer, um zu zeichnen.

Ihr Zeichenblock begleitet sie aber auch immer mit in das Klassenzimmer. Während die anderen rechneten, lasen oder Diktate schrieben, malte sich Lisa ihre kleine Traumwelt aus und flüchtete in ihre Phantasie. Dann kämpfte sie als starke Kriegerin an der Seite schöner Fabelwesen gegen die dunklen Mächte der Welt.

Diese Unterrichtsstunde schien besonders lang zu sein, sodass Lisa ihren Blick immer wieder von ihrer Zeichnung erhob und in Richtung Uhr schaute. Ungeduldig wartete sie auf den Gong, der den Unterricht beenden sollte, doch stattdessen klickte die Klassentür. Etwas skeptisch blickte der groß gewachsene Junge durch die Sitzreihen, ehe die Klassenlehrerin Frau Müller ihn auf den einzig leeren Platz verwies, neben Lisa.

„Darf ich kurz vorstellen: Das ist Sebastian. Er musste das letzte Schuljahr leider wiederholen und versucht in dieser Klasse seinen Neustart. Ich bin mir sicher gemeinsam schaffen wir das uns du wirst das Schuljahr mit Bravour meistern“, zwinkerte Frau Müller Sebastian entgegen. Der wiederum sah sehr desinteressiert aus von dem was sich da vor ihm abspielte. Ohne ein Wort zu sagen verließ er am Nachmittag den Unterricht, um am nächsten Tag wieder genauso schweigsam zurück zu erscheinen.

Lisa machte sich plötzlich Gedanken. Sie musste eine Lösung finden. Vielleicht könnte sie ihm helfen, ihn nach seinen Hobbies fragen oder ihm in der Pause etwas Gesellschaft leisten. Sie beobachtete ihn jetzt schon eine ganze Weile. Er spielte weder Fussball, noch raufte er sich mit den anderen Jungs. Er aß nicht besonders viel und interessierte sich offenbar so gar nicht für seine Umwelt. Das Einzige was ihn interessierte waren seine Bücher, in die er in jeder freien Minute seine Nase steckte.

Einmal war Lisa kurz davor ihn anzusprechen. Sein aktuelles Buch kannte sie nämlich. Eines der darin vorkommenden Fabelwesen war Vorbild einer ihrer Zeichnungen. Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte wurde sie einmal mehr zur Seite geschubst. Durch das lästige Kichern und den strengen, extrem süßen Parfumduft wusste Lisa noch bevor sie schauen konnte, dass es Nicky war. Sie huschte an ihr vorbei, wirbelte ihr langes blondes Haar nach hinten und setzte sich neben Sebastian.

Der wiederum erhob erschrocken seinen Blick. „Hi, ich bin Nicky. Was liest du da?“, fragte sie interessiert. „Nichts, was du kennen könntest“, entgegnete Sebastian und fügte hinzu: „Macht man das hier so? Mädchen einfach umschubsen und liegen lassen?“ Nicky errötete, suchte Luft schnappend nach Worten, fand jedoch keine und verschwand mit einem deutlichen Augenrollen.

Lisa hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt, zupfte ihre Jeansjacke zurecht und ging zurück in das Klassenzimmer. Als sie ihren Ranzen auspackte bemerkte sie, dass ihr Zeichenblock fehlte. Nervös suchte sie weiter, doch vergeblich. Mittlerweile hatte sich das Klassenzimmer fast wieder vollständig gefüllt. Das Schlusslicht bildete diesmal Sebastian und der bekam direkt einen Eintrag für seine Verspätung. Wortlos setzte er sich neben Lisa, die sich schüchtern ihrem Tisch widmete und mit ihrer Schere kleine Zeichen in das Holz ritzte. Doch plötzlich schob Sebastian ihren Zeichenblock in ihr Sichtfeld. Sie erschrak, schnappte den Block und steckte ihn schnell in ihren Ranzen zurück, aber nicht ohne ein leises „Danke“. „Deine Zeichnung von Drago ist wirklich Wahnsinn! Sieht so täuschend echt aus“.

Lisa errötete augenblicklich und sah ihn an. „Dankeschön! Wenn du willst male ich dir auch einen.“ Doch Sebastian hatte noch eine viel bessere Idee. Er wollte sie als Partnerin für den kommenden Talent-Wettbewerb. Er würde eine Geschichte schreiben und Lisa die passenden Bilder dazu beitragen. Zusammen würden Sie ihr eigenes Buch verfassen. Lisa war begeistert. Das war die Lösung! So könnte sie vielleicht auch ihre Noten verbessern.

Zurück zu Hause rannte sie zu ihrer Mutter: „Mama, ich habe einen riesen Hunger! Können wir heute ausnahmsweise mal was vom Imbiss holen?“ Ihre Mutter entgegnete verwirrt: „Aber wolltest du da morgen nicht mit deinem Papa hin?“ Lisa zuckte mit den Schultern und lachte. Und sie wusste auch, dass ihre Eltern sie eine ganze Woche Pommes und Hähnchen essen lassen würden, wenn sie denn endlich wieder richtig essen und lächeln konnte.

Mit vollem Magen schlief sie in dieser Nacht tief und fest ein und träumte davon wie Sebastian und sie gemeinsam gegen das Böse kämpften. Am nächsten Tag in der Schule wartete Frau Ahrens, ihre Kunstlehrerin, bereits vor der Klassentür auf sie. „Guten Morgen Lisa. Sebastian hat mir von deinen Bildern erzählt. Er war sehr begeistert von deinem Können. Wir starten gerade eine neue Kunst und Kultur AG. Ich würde mich freuen, wenn ihr beiden dort mitmacht.“ Lisa sah sie begeistert an und zögerte nicht: „Sehr gerne würde ich mitmachen“, entgegnete sie.

Sebastian hatte heimlich gelauscht und freute sich riesig auf ihre Zusage, denn auch er würde ein Teil der AG sein. Es schien, als hätte Lisa endlich ihren Platz gefunden. Eine Lösung für ihr Problem. Einen Freund fürs Leben. Das Lächeln zurückgewonnen. „Meine Eltern werden stolz auf mich sein“, sagte sie sich leise und sie sollte Recht behalten.

In den nächsten Monaten blühte Lisa regelrecht auf. Von Mobbing keine Spur mehr! Debby, Sarah und Co. schwänzten so oft den Unterricht, dass sie regelmäßig nachsitzen mussten. Sie bekamen immer schlechtere Noten und zerstritten sich schließlich.

Lisa hatte mit Sebastian einen echten Freund gefunden, der selbst einmal Opfer von Mobbing wurde. Das hatte er ihr erst neulich erzählt. Dies führte sogar so weit, dass er freiwillig ein Schuljahr wiederholte. Nun aber hatten sie sich beide. Sie gewannen den Talent-Wettbewerb und das Buch mit ihrer Geschichte wurde sogar in kleiner Auflage gedruckt. Mit ihrer AG besuchten sie auch andere Klassen aus anderen Städten, um Schüler für Kunst und Kultur Projekte zu begeistern. Denn letztendlich war es ein gemeinsames Interesse, dass nicht nur Lisa und Sebastian zusammengeschweißt hat, sondern noch viele weitere neue Freunde.